Der stille Tod einer Legende
Es war einmal eine Zeit, in der die Nummer 10 mehr war als nur eine Zahl auf dem Trikot. Sie stand für Magie, für Kreativität, für jene seltenen Momente, die ein Fußballspiel entscheiden können. Doch in der Bundesliga des Jahres 2026 ist diese Position zu einem Relikt vergangener Tage geworden. Ein Blick auf die Startaufstellungen der 18 Erstligisten offenbart eine ernüchternde Wahrheit: Der klassische Zehner ist praktisch ausgestorben.
Von den 306 Bundesliga-Spielern, die regelmäßig in der ersten Elf stehen, agieren gerade einmal acht in einer Position, die noch entfernt an die traditionelle Zehn erinnert. Selbst diese wenigen Ausnahmen – wie Florian Wirtz bei Bayer Leverkusen oder Jamal Musiala beim FC Bayern – werden zunehmend in flexibleren Rollen eingesetzt, die mit dem klassischen Spielmacher nur noch den Namen gemein haben.
Photo: Jamal Musiala, via www.the-sun.com
Photo: Florian Wirtz, via backend.liverpoolfc.com
Die taktische Revolution frisst ihre Kinder
Die Gründe für diese Entwicklung liegen tief in der DNA des modernen Fußballs vergraben. Das Pressing ist intensiver geworden, die Räume enger, die Zeit für kreative Lösungen knapper. Trainer wie Julian Nagelsmann, Xabi Alonso oder auch Edin Terzić setzen auf Systeme, die Flexibilität über Spezialisierung stellen. In einem 4-3-3 oder 4-2-3-1 ist für einen statischen Spielmacher, der hauptsächlich zwischen den Linien operiert, schlichtweg kein Platz mehr.
Photo: Xabi Alonso, via www.transfernewslive.com
"Der moderne Fußball verlangt von jedem Spieler, dass er in der Defensive mitarbeitet", erklärt ein anonymer Bundesliga-Trainer. "Ein klassischer Zehner, der sich nur aufs Kreieren konzentriert, ist ein Luxus, den wir uns nicht mehr leisten können." Diese Philosophie spiegelt sich auch in den Transferaktivitäten wider: Während vor zehn Jahren noch Millionen für reine Spielmacher ausgegeben wurden, investieren Klubs heute in "Hybrid-Spieler" – Profis, die sowohl defensiv als auch offensiv variabel einsetzbar sind.
Der Nachwuchs lernt anders
Besonders dramatisch zeigt sich diese Entwicklung in den Nachwuchsleistungszentren der Bundesliga. Eine Umfrage unter den 18 Erstligisten ergab, dass nur noch vier Vereine gezielt Spieler für die klassische Zehner-Position ausbilden. Der Rest setzt auf universell einsetzbare Mittelfeldspieler, die mehrere Positionen abdecken können.
"Wir bilden keine Spezialisten mehr aus, sondern Allrounder", bestätigt der Nachwuchskoordinator eines Top-Klubs, der anonym bleiben möchte. "Ein Talent, das nur kreieren kann, aber nicht verteidigt, hat in unserem System keine Zukunft." Diese Mentalität führt dazu, dass bereits in der U19 kaum noch echte Spielmacher zu finden sind.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: In der aktuellen U21-Nationalmannschaft steht kein einziger Spieler, der primär als Zehner agiert. Selbst die größten deutschen Talente wie Paul Wanner oder Assan Ouédraogo werden in flexibleren Rollen entwickelt, die sie je nach Spielsituation in verschiedene Positionen bringen.
Internationale Vorbilder verschwinden
Doch Deutschland steht mit dieser Entwicklung nicht allein da. Ein Blick auf die europäischen Top-Ligen zeigt: Auch in England, Spanien oder Italien wird die klassische Zehn zunehmend durch flexible Offensivspieler ersetzt. Real Madrid gewann die Champions League 2024 ohne einen einzigen klassischen Spielmacher, Manchester City dominiert mit einem System, das auf Ballbesitz und Pressing setzt, aber keinen festen Zehner vorsieht.
Selbst die Transfermarkt-Werte spiegeln diese Entwicklung wider: Während 2020 noch 15 Spieler mit einem Marktwert über 50 Millionen Euro primär als Zehner gelistet waren, sind es 2026 gerade noch fünf – und keiner davon spielt in der Bundesliga.
Die letzten Mohikaner
Dennoch gibt es sie noch, die wenigen Klubs, die der klassischen Zehn treu geblieben sind. Bayer Leverkusen unter Xabi Alonso hat mit Florian Wirtz bewiesen, dass ein kreativer Spielmacher auch im modernen Fußball funktionieren kann – allerdings nur in einem perfekt auf ihn abgestimmten System. Wirtz' Erfolg ist jedoch eher die Ausnahme, die die Regel bestätigt.
Auch Borussia Dortmund experimentiert gelegentlich mit Julian Brandt in einer klassischeren Rolle, doch selbst der deutsche Nationalspieler wird zunehmend als "Achter" eingesetzt, der mehr defensive Aufgaben übernimmt.
Was bedeutet das für die Zukunft?
Die Konsequenzen dieser Entwicklung reichen weit über taktische Überlegungen hinaus. Mit dem Verschwinden der klassischen Zehn geht auch ein Stück Fußball-Romantik verloren. Jene Momente, in denen ein einzelner Spieler durch pure Kreativität ein Spiel entscheiden konnte, werden seltener.
Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob die deutsche Nationalmannschaft langfristig unter diesem Trend leiden wird. Während Länder wie Spanien oder Argentinien weiterhin auf kreative Mittelfeldspieler setzen, könnte Deutschland in wichtigen Spielen die entscheidende Unberechenbarkeit fehlen.
Ein Hoffnungsschimmer am Horizont?
Dennoch gibt es Anzeichen für eine mögliche Renaissance der kreativen Spielmacher. Junge Talente wie Aleksandar Pavlović beim FC Bayern oder Tom Rothe bei Borussia Dortmund zeigen, dass auch im modernen Fußball Raum für Kreativität existiert – allerdings in neuen, flexibleren Formen.
Die Zukunft der Zehn liegt möglicherweise nicht in der Rückkehr zur klassischen Rolle, sondern in der Evolution zu einem "modernen Spielmacher", der Kreativität mit Athletik und taktischer Disziplin verbindet.
Fazit: Evolution statt Revolution
Die Bundesliga 2026 ist ein Spiegelbild des modernen Fußballs: effizienter, athletischer, aber auch vorhersehbarer geworden. Der Tod der klassischen Zehn markiert das Ende einer Ära, aber nicht zwangsläufig das Ende der Kreativität. Die Herausforderung für Trainer und Nachwuchsarbeit liegt darin, neue Wege zu finden, um spielerische Brillanz mit den Anforderungen des modernen Spiels zu verbinden – denn am Ende entscheiden immer noch die besonderen Momente über Sieg und Niederlage.